Geschrieben | Die Welt, wie ich sie kannte

Das kleine Guckloch an meiner Seite friert zu, je weiter wir nach Osten kommen. Es beschlägt und bricht die Sonne durch tausende kleine Eiskristalle. Nur verschwommen erkenne ich die Skyline, die mir von so vielen Bildern vertraut ist, aber doch so fremd.

Der kleine Junge neben mir beginnt ein aufgeregtes Gespräch mit seiner Mutter. Genervt ziehe ich mir die Kopfhörer über die Ohren und schalte meine Musik an, um die letzten Minuten unseres Fluges ohne Kindergebrabbel zu verbringen.

Ich wollte nicht in diese Stadt. Nicht an diese Universität, nicht in diese WG, um mit fremden Menschen zusammen zu leben, die eine andere Aussprache und andere Gewohnheiten haben als ich.

Wir hatten einen Plan: studieren in L.A., zusammenziehen und nach drei Jahren heiraten. Einen kleinen Jungen bekommen und kurz darauf eine süße Schwester für ihn. Ein Mädchen mit ihren Haaren und den Augen, denen kein Mann widerstehen kann. Sie sollte eine Prinzessin sein, ein Mädchen von der Art, die man als Vater um alles in der Welt beschützen will.

Und dann zerstört Samantha alles, in dem sie ihr Auto vor einen Baum setzt.

***

In New York ist es bereits jetzt bitterkalt. Die Blätter verlieren allmählich ihre grüne Farbe und färben sich in den unterschiedlichsten Rotschattierungen. Jede Woche gibt es mehr Regen.

Ich weiß nicht, ob ich das noch länger ertrage. Aber zurück möchte ich nicht.

***

„Komm schon, Ash!“ Rose dreht sich lachend im ersten Schnee. „Selbst ein Kalifornier muss dieses Wetter genießen können!“

Ich beobachte sie und frage mich, wie man dieses Wetter so sehr lieben kann. Unsere neue Mitbewohnerin hängt uns schon seit Tagen in den Ohren, weil sie den ersten Schnee kaum erwarten konnte. Und jetzt tänzelt sie im Central Park in ihren schwarzen Stiefeln und dem knallrotem Mantel umher, als würde es nichts Schöneres auf dieser Welt geben.

Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Ich kann nicht anders. Ihre gute Laune ist immer ansteckend.

Sie kommt auf mich zu und nimmt meine behandschuhten Hände in ihre, um mich durch den Park zu ziehen. Wie ein kleines Mädchen läuft sie um mich herum und versucht mich zum Lachen zu bringen.

„Lach doch mal! Du siehst immer so griesgrämig aus!“ Sie wackelt mit den Augenbrauen und bleibt vor mir stehen. Ihre dunklen Locken sind mit Schnee benetzt, die Wangen glühen rot, doch was meine Laune letztendlich hebt, ist das atemberaubende Funkeln in ihren Augen.

Sie knufft mich in die Seite, wieder und wieder, bis ich laut lachen muss.

„Ha!“, stößt sie hervor und knufft mich noch einmal. „Wusste ich doch, dass du auch lachen kannst.“

„Na warte.“ Meine Stimme ist ein Grummeln, aber dieses Mal nicht der schlechten Laune wegen. Ihre Augen weiten sich, dann dreht sie sich um und rennt los.

Ich atme tief durch und laufe hinter ihr her.

An diesem Tag habe ich Rose zum ersten Mal aufgefangen.

***

Ich sitze auf meinem Bett und starre an die leere Wand.

Mein Vorgänger hat sie in einem tristen Grau gestrichen. Einer Farbe, die dem Zustand meiner Seele so sehr entspricht, dass es kein Zufall gewesen sein kann, dass ich hier eingezogen bin.

Durch die Tür höre ich die laute Musik, die Rose beim Kochen hört. Sie sagt, das würde ihr die Gelegenheit geben abzuschalten. Dass sie beim Kochen an nichts anderes denken muss. Und dass die Musik ihr dabei hilft, alle unwillkommenen Gedanken auszublenden.

Ich frage mich, was so schlimm sein kann, dass sie nicht darüber nachdenken will. Aber sie spricht nicht darüber. In den sechs Monaten, in denen wir nun zusammen wohnen, hat sie nicht ein einziges Mal von ihrer Familie oder ihrer Heimat erzählt.

Da ist sie nicht die Einzige, denke ich schnaubend und stehe auf, um das Zimmer zu verlassen. Es wird Zeit für einen Neustart, ein bisschen frischer Wind, um die trüben Gedanken zu vertreiben. Ich öffne die Tür und fahre zusammen, als Jamie vor mir steht und gerade die Hand hebt, um zu klopfen.

„Hey“, begrüßt er mich und tritt von einem Fuß auf den anderen. Er trägt eine Brille mit dickem Rahmen, weil er sonst blind ist wie ein Fisch. Seine Jeans sind von Levis, sein Hemd von irgendeinem dieser Designer in der Stadt. Wenn ich ihn nicht kennen würde, würde ich glauben, dass er ein Schnösel ist. „Ich wollte mir die neuen Comics ansehen. Kommst du mit?“

„Trifft sich gut. Dann können wir unterwegs noch schnell einen Eimer Farbe kaufen, damit ich endlich dieses Grau loswerde.“

***

Geoffrey, der Inhaber des Comic-Geschäfts, kennt uns mittlerweile ziemlich gut. Er erzählt uns gleich von den Neuerscheinungen und zeigt uns sein neustes Konzept.

„Ich verkaufe jetzt auch T-Shirts.“ Er deutet auf das neue Regal, in dem einige T-Shirts mit Sprüchen drauf liegen.

Neugierig wandere ich hin und betrachte die Shirts. Sonst bestelle ich meine Shirts immer im Internet, aber die Auswahl ist ganz gut. „He, Jamie! Vielleicht solltest du dir ein paar davon zulegen.“

Jamie runzelt die Stirn. „Ich bin nicht so der Typ für solche Shirts, Ash.“

„Stell dir nur mal vor, was dein Dad davon halten würde.“ Ich grinse ihn an. Er verschränkt die Arme vor der Brust und denkt darüber nach. Dann legt er das Comic-Heft aus der Hand und zückt seine Brieftasche.

„Geoffrey, ich nehme jedes Shirt einmal.“

Geoffrey und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf.

***

Unser erstes gemeinsames Silvester verbringen wir in der Wohnung. Rose ist gerade erst wiedergekommen. Wo sie die Feiertage über gewesen ist, will sie nicht verraten, aber das macht auch nichts, denn sie kocht uns ein Festmahl, nach welchem wir mit runden Bäuchen auf dem Sofa zusammensacken, um einen Film zu schauen.

Sie sitzt zwischen uns, die langen Beine an den Körper gezogen, das Kinn auf dem Knie aufgestützt. Ich beobachte ihre Reaktionen auf die Familienkomödie, das verräterische Glitzern in ihren Augen, hinter dem eine größere Bedeutung liegen muss. Als sie mich beim Starren erwischt, verzieht sie das Gesicht zu einer von diesen Grimassen, die für sie so typisch sind.

„Leute, dieser Film ist langweilig“, beklagt sie sich und täuscht ein Gähnen vor. Sie legt ihren Kopf auf meine Oberschenkel und ihre Füße in Jamies Schoß. „Lasst uns einen Thriller anschauen. Irgendetwas mit Toten und viel Blut.“

„Du bist verrückt.“ Jamie rollt mit den Augen, beugt sich aber vor, um nach der Fernbedienung zu greifen. Dabei hält er ihre Füße fest, als würde er genau das jeden Tag machen.

„Ich weiß. Deswegen liebt ihr beiden mich ja auch so.“

***

Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Zwei Jahre nach Sams Tod fällt mir auf, dass ich sie nicht mehr so schmerzlich vermisse. Ich habe neue Freunde gefunden, neue Ziele, die ich in meinem Leben erreichen möchte, neue Dinge, die mich Tag für Tag zum Aufstehen animieren.

Mein Herz, von dem ich dachte, dass ihm immer ein Stück fehlen würde, ist geschmückt mit einer langen Narbe, aber es tut nicht länger weh. Es schlägt seinen Rhythmus, zuverlässig und beruhigend, aber das tut es nicht für mich.

Zwei Jahre nach Sams Tod schlägt es für Rose.

***

Unter uns erstrahlt ein Lichtermeer, über uns die Sterne. Die Stadt, das Leben, es pulsiert und wir stehen hier oben, mitten drin und doch weit weg.

„Das ist das erste Mal, dass ich hier oben bin.“ Rose stellt sich auf die Zehenspitzen und gibt mir einen vorsichtigen Kuss. Dann greift sie nach meinen Händen. „Danke, dass du mich mitgenommen hast.“

Ich lächle sie an und führe sie näher an das Geländer. Sie schiebt sich vor mich, so dass ich meine Arme um ihren schlanken Körper legen kann.

Wir sind kein Paar. Wir sind mehr und gleichzeitig weniger. Undefinierbar.

Ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird. Wenn ich sie ansehe, dann sehe ich keine Zukunft, dann sehe ich jemanden, der den Moment lebt, weil eine Zukunft und eine Vergangenheit einfach zu unerträglich sind.

In Rose sehe ich eine Frau, die mit aller Macht zu verstecken versucht, wie abgrundtief unglücklich sie mit dem Leben ist.

***

„Ash, wach auf.“ Verschlafen blinzle ich gegen das Licht der Taschenlampe, die jemand auf mein Gesicht gerichtet hält. „Komm schon, ich will dir etwas zeigen.“

„Es ist mitten in der Nacht, Rose. Leg dich wieder hin.“

Doch sie zieht an meinem Arm, bis ich aus dem Bett krieche und mir schnell etwas überziehe. Ein Blick auf meinen Radiowecker sagt mir, dass ich sowieso nur noch eine Dreiviertelstunde Schlaf bekommen hätte.

Rose führt mich aus dem Wohnheim auf den nahegelegenen Sportplatz. Sie ist komplett in schwarz gekleidet, als hätte sie in der Nacht irgendwelche sehr verbotenen Dinge getan. Das Lächeln auf ihren Lippen ist ehrlich und in letzter Zeit wirklich selten.

Ich folge ihr unter eine Tribüne und sie legt den Zeigefinger an die Lippen, damit ich still bin. Die Dunkelheit unter der Tribüne verschlingt uns beinahe, als sie die Taschenlampe ausschaltet.

Sie greift nach meiner Hand und zieht mich weiter bis zu eine Stelle, an der das erste Tageslicht ein Bett aus Blättern und Moos erhellt, auf dem eine Katze liegt und ihre kleinen Kätzchen säugt.

„Sieh sie dir an“, flüstert Rose. „Sie sind gerade ein paar Stunden alt.“

„Warst du die ganze Nacht hier?“

„Jemand musste auf sie achtgeben.“ Sie zuckt mit den Achseln. „Denkst du, ihre Mutter wird auf sie aufpassen, wenn ich nicht mehr da bin?“

„Ganz bestimmt. Jede Mutter passt doch auf ihre Kinder auf“, flüstere ich.

„Ja“, flüstert sie zurück.

***

Am Nachmittag habe ich ihren Abschiedsbrief gefunden und sofort die Polizei gerufen.

Rose war Leben und Einsamkeit, und sie hatte Träume, die für jeden anderen zu groß gewesen wären. Sie hätte die Welt haben können, doch die Welt hat ihr das Gefühl gegeben, sie nicht zu wollen.

Alles, was ich vom Leben wollte, war die Liebe, die ich niemals bekommen werde.

Ihr Verschwinden ist ein Rätsel für die Polizei, ihre Familie ein Konstrukt ihres Wunschdenkens, das niemals dagewesen ist. Und für mich ist die Welt, wie ich sie kannte, ein weiteres Mal auseinandergebrochen.



Die Welt, wie ich sie kannte ist eine Kurzgeschichte zu Love, Kiss, Cliff, in der es um Ashs Vorgeschichte geht. Leider hat sie nicht mehr mit ins Buch gepasst, aber ich wollte sie euch trotzdem nicht vorenthalten.

Wenn sie euch gefallen hat, schreibt doch einen kurzen Kommentar und teilt die Geschichte mit euren Freunden und Lesern - ich würde mich wahnsinnig darüber freuen!

Alles Liebe,
eure Kim.