Gedacht | Was im Leben wirklich wichtig ist

Hallo ihr Lieben,

heute will ich mich mal wieder einem ernsteren Thema widmen. Am 08. November habe ich mit meinem Artikel ein Fass geöffnet, das wahnsinnig viele von euch berührt hat. Ihr habt mir so viele nette Antworten geschrieben, so viel liebe Post ist seitdem bei mir eingetrudelt und ich würde es nicht übers Herz bringen, euch nicht weiterhin auf dem Laufenden zu halten.

Bei meinem letzten Update habe ich euch von der ersten Chemo erzählt. Heute möchte ich euch erst einmal erzählen, was in der Zwischenzeit passiert ist.




Für den 08.12. war meine zweite Chemo angesetzt. Die lief zunächst ohne Probleme, aber dann - ganz plötzlich und ohne Ankündigung - wurde mir plötzlich ganz heiß und ich konnte nicht mehr atmen. Allergische Reaktion auf das Chemo-Mittel.
Dank flottem Freund, toller Krankenschwestern und einer Ladung Cortison konnte ich wieder atmen, bevor es zu einer Katastrophe kam. Die Chemo wurde abgebrochen, der Plan gewechselt und ich hatte erstmal mit der Angst zu kämpfen, dass mir noch einmal ganz plötzlich die Luft wegbleibt.

An diesem Tag ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass die Chemo kein Spaziergang ist und dass nicht nur positive Energie dazugehört. Dass ich nicht einfach alles abwinken kann, als wäre es ein Klacks.

Eine Woche später sollte ich ein verwandtes Mittel bekommen, das leichter bekömmlich ist. Es lief langsamer, aber die Reaktion war die Gleiche. Atemnot, Herzrasen und allen voran Enttäuschung, denn nun ist klar, dass ich keine Taxane mehr bekommen kann, wenn ich nicht an einem anaphylaktischen Schock sterben will. Problem an der Sache: Taxane sind in Kombi mit anderen Medikamenten quasi die einzigen Medikamente, die neoadjuvant (also vor der OP) gegeben werden dürfen. Nun bekomme ich für vier weitere Chemotherapien nur noch das Carboplatin und die beiden Antikörper und hoffe und bange, dass es reicht und ich das Ganze nicht umsonst durchmache.

Einen Lichtblick gab es vor Weihnachten dann aber doch: der Tumor ist so sehr geschrumpft, dass er auf dem Ultraschall kaum noch zu sehen gewesen ist. Ein großartiges Ergebnis nach anderthalb Chemotherapien. Ich glaube ja, es lag an meiner positiven Energie.

Nach Weihnachten sollte die dritte Chemotherapie folgen, aber auch dieses Mal kamen mir Nebenwirkungen dazwischen. Die Blutwerte so sehr im Keller, dass mir ständig schwindelig war, dass mir allein vom Aufstehen das Herz gerast hat, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen und blaue Flecken von einem Thrombozytenwert, den ich nicht mehr für realistisch gehalten hätte. Statt Chemo gab es dann also erstmal eine Blutspende, in der Hoffnung, dass es eine Woche später weitergehen kann.

Ihr seht, meine letzten Wochen waren alles andere als einfach. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie in meinem Leben so eine schwere Zeit durchgemacht. Ich habe noch nie so viel Angst empfunden, ich war noch nie so sehr am Boden zerstört und habe noch nie so lange gebraucht, um meine Krone zu richten und weiterzulaufen.

Ja, aber gleichzeitig habe ich auch noch nie so viel Lebensfreude empfunden. Ich habe noch nie so sehr geliebt, habe die Zeit mit meinen Freunden noch nie so bewusst wahrgenommen. Noch nie so herzlich gelacht, nie so bitter geweint.

In einer solche Zeit lernt man plötzlich, was das Leben wert ist. Man merkt, dass Uni und Arbeit nicht das Wichtigste im Leben sind, sondern dass es viel mehr das persönliche Glück ist, das wirklich zählt.

Aber was bedeutet Glück?

Diese Frage stelle ich mir Tag für Tag und muss immer wieder feststellen, dass ich glücklich bin. Ja, ich bin glücklich, obwohl ich krank bin. Ich bin glücklich, obwohl ich eine beschissene Zeit durchmache. Obwohl ich die Schattenseiten des Lebens kennengelernt habe und immer mal wieder darin abtauche.

Genauso haben mir die letzten Wochen und Monate aber auch gezeigt, wie einfach es ist, glücklich zu sein. Wie wertvoll die Zeit mit der Familie und den besten Freunden ist. Wie gut ein einfaches Essen schmeckt, wenn es mit Liebe gekocht ist. Wie stärkend ein Kuss sein kann, wenn er zur rechten Zeit kommt.

Ich lebe und das macht mich glücklich.


Alles Liebe,
eure Kim.