Gedacht | Intellektualität, Trivialliteratur und Ästhetik oder Die Bücherwelt durch meine Augen

Hallo ihr Lieben!


„Ein Bestseller fängt da an, wo Literatur aufhört.“ – Dieser Satz aus der Fachliteratur für meine Bachelorarbeit hat mich heute wirklich zum Nachdenken gebracht. Er stammt aus einer Aufsatzsammlung zur Bestsellerforschung* und schneidet ein Thema an, dass mir in den letzten Monaten in der Bloggerwelt immer mal wieder begegnet ist. Im Grunde geht es in dem Artikel darum, ob Bestseller und literarische Ästhetik sich gegenseitig ausschließen und anhand welcher Werte und Kriterien man die Qualität eines Buches überhaupt messen kann. Der Autor gibt verschiedene Ansätze, die erklären könnten, wieso ein Buch zu einem Bestseller wird, während ein anderes, vielleicht von Kritikern als wertvoller erachtetes Buch in der Masse untergeht.

Während des Lesens sind mir einige Fragestellungen und Ideen gekommen, die ich für sehr diskutierbar halte. Nach dem Aufsatz habe ich übrigens einen Artikel von Thomas Brasch gelesen, der aktuell ja wieder die Runde macht, da die Frage anklingt, ob Buchtuber und Buchblogger überhaupt ernstzunehmende Kritiker sein können. Diese Frage will ich hier gar nicht diskutieren (ich denke, meine Meinung kennt ihr ja – immerhin blogge auch ich über Bücher), viel mehr möchte ich über ein Problem sprechen, das dieser Frage wohl zugrunde liegt: nämlich das unterschiedliche Verständnis von Literatur.


Was ist eigentlich Literatur?


Als Germanistikstudentin weiß ich, dass eine Definition von Literatur sehr schwierig ist, eben weil so viele Menschen so unterschiedliche Ansichten von einer Sache haben, die eigentlich wirklich einfach zu definieren sein sollte. Für mich hat (fiktionale, also keine fachwissenschaftliche) Literatur genau drei Kriterien zu erfüllen:

1. Schriftlichkeit: für mich muss eine Geschichte, ein Stück Literatur schriftlich verfestigt sein, wobei ich darunter nicht nur ganz klassisch Bücher zählen würde, sondern ebenso Drehbücher, Skripte für Hörspiele oder Theaterstücke. Alles, was einmal niedergeschrieben wurde und die anderen beiden Kriterien erfüllt, gehört für mich zur Literatur.

2. Fiktionalität: Literatur ist für mich kein Tatsachenbericht, keine Reportage, keine Auflistung, kein Einkaufszettel und auch kein Rezept. Um literarisch zu sein, muss ein Text ein Mindestmaß an Fiktionalität aufweisen. Wie dieses Mindestmaß aussieht, ist vermutlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch ich würde das von Text zu Text neu entscheiden, weil es eben nicht objektiv messbar ist.

3. Persönlicher Stil: diese dritte Kategorie finde ich etwas schwerer zu definieren. Viele würden von Literarizität sprechen, was sich sowohl auf sprachliche Merkmale eines Textes beziehen kann, als auch auf Fiktionalität. Aus diesem Grund habe ich diesen Begriff nicht gewählt, sondern mich für persönlichen Stil entschieden. Auch diese Kategorie ist meiner Meinung nach nicht objektiv zu bewerten, aber ich finde trotzdem, dass der Stil eines Autors eine große Rolle spielt, um einen Text als literarisch anzusehen. Es gibt sehr viel enger gefasste Definitionen von Literatur, aber auch sehr viel weitere, die jede Art von Text einschließen. 


Literatur muss ästhetisch sein


Ein großer Aspekt, der in fast allen Definitionen vertreten ist, ist die Ästhetik. Ästhetik ist zunächst einmal die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung und damit ist alles das ästhetisch, was unsere Sinne bewegt. Sinnlichkeit ist aber zutiefst individuell und überhaupt nicht objektiv fassbar. Ästhetisch ist aber in vielen Köpfen gleichbedeutend mit schön und geschmackvoll. Damit wird der Anspruch an Literatur, ästhetisch zu sein, zu einem Anspruch, schön und geschmackvoll zu sein. Die ursprüngliche Bedeutung von ästhetischer Literatur wird dabei vollkommen aus den Augen verloren, denn diese soll nicht schön und geschmackvoll sein, sondern vor allem die Sinne berühren.

Mit diesem Verständnis von Literatur und Ästhetik lese ich deshalb Thomas Braschs Worte sehr kritisch:

„Menschen lassen sich nicht ästhetisch erziehen. Es bestätigt zudem meine Ansicht, dass man Menschen nicht ästhetisch erziehen kann, sondern ästhetisches Empfinden in früher Jugend kaum noch veränderlich konditioniert wird. […] Man mag zwar in seiner Jugend ein paar Trigger von außerhalb bekommen, doch selten vermögen diese es, zu einem großen intellektuellen Schritt zu verhelfen. Wer mit 16 Jahren Fantasy-Fiction und sonstige eskapistische Trivialliteratur liest, wird sich nicht Jahre später der Indie-Literatur hinwenden oder begeistert Virginia Wolff, Juli Zeh, Albert Camus, Thomas Bernhard, Reinald Goetz etc. lesen.“Thomas Brasch, 11.07.2015

Ganz abgesehen davon, dass ich seinen Begriff von Ästhetik fragwürdig finde, stoße ich mich doch vor allem an dem Begriff „eskapistische Trivialliteratur“ und daran, dass er Jugendlichen unterstellt, sich nicht intellektuell weiterzubilden, weil sie keine Kanonliteratur lesen, sondern eben das, was ihnen Spaß macht.



Trivialliteratur, Eskapismus und Intellektualität


Mein Verständnis von Literatur kennt ihr jetzt, deswegen wisst ihr, dass ich keinen wertenden Unterschied zwischen „Trivialliteratur“ und „Kanonliteratur“ mache, was deren Literarizität angeht. Ganz abgesehen davon, dass beide Arten von Literatur eine Art von Eskapismus, also Flucht aus der Wirklichkeit, bieten, sind sie nicht nur lesenswert, sondern vor allem intellektuell weiterbildend.

Mit dem Begriff „Trivialliteratur“ bezeichnet man heute vor allem Massenliteratur, wobei der Begriff „trivial“ aus dem Lateinischen kommt und so viel bedeutet wie „allgemein zugänglich“. Dementsprechend ist Trivialliteratur also eigentlich ein Begriff, der gar nicht negativ gedacht ist, obwohl er häufig in dieser Bedeutung verwendet wird. Eine „allgemein zugängliche“ Literatur, eine Literatur, die für die Masse geschaffen ist, ist doch eigentlich eine hervorragende Literatur, denn sie bietet für Menschen aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten, im unterschiedlichsten Alter und mit der unterschiedlichsten Erfahrung nicht nur eine Möglichkeit, dem Alltag für eine Weile zu entfliehen, sondern auch Dinge über sich und die Welt zu lernen.

Warum sollte Literatur nur intellektuell wertvoll sein, wenn sie uns zeigt, wie die Menschen zur Zeit der amerikanischen Bürgerkriege gelebt haben, oder wenn sie in Sätzen verfasst ist, für die man eine halbe Ewigkeit braucht, um sie zu entschlüsseln? Bildet uns Literatur nicht auch intellektuell weiter, wenn wir uns Gedanken um zentrale Begriffe wie Liebe, Freundschaft und Treue machen? Wenn wir lernen, Stellung zu Drogen, Machtmissbrauch und Gewalttaten zu beziehen? Wenn wir dystopische Gesellschaften kennenlernen, die wir um alles in der Welt verhindern wollen würden?


Identifikation und Reflexion


Ich bin der Meinung, dass uns Trivialliteratur sehr viel über uns selbst und die Welt, wie wir sie sehen, verraten kann. Sie lässt uns ebenso wie Klassiker reflektieren und macht uns kritischer und empathischer. Sie ist ästhetisch, wenn sie unsere Sinne regt und das tut sie vielfach, denn sonst würde wohl kein Mensch diese Bücher lesen. In gewisser Weise ist sie damit vielleicht sogar ästhetischer als ein Klassiker, bei dessen Rezeption dem Leser vielleicht das Zeitverständnis fehlt, um sich vollends mit dem Protagonisten zu identifizieren, und dessen Sinne deshalb nicht so sehr angesprochen werden wie in einer Situation, die er sich selbst gut vorstellen kann.

Ist es also falsch, wenn Jugendliche lieber Trivialliteratur lesen statt sich gleich mit Büchern auseinanderzusetzen, die sie nach den ersten Seiten wieder frustriert weglegen? Sollte man stattdessen nicht froh sein, dass sie in Zeiten von Smartphones, Fernsehern und Computern überhaupt noch zu Büchern greifen und so überhaupt die Möglichkeit besteht, dass eine Leidenschaft zum Lesen heranwächst?

Ich für meinen Teil habe auch mit den Fünf Freunden und Harry Potter begonnen. Mittlerweile lese ich mich quer durch alle Genres (natürlich habe ich da gewisse Vorlieben, aber das ist eben mein ganz eines Verständnis von Ästhetik) und habe auch eine ziemlich große Sammlung an Klassikern, die mir ans Herz gewachsen sind. Aber sie sind mir eben nicht ans Herz gewachsen, weil es Klassiker sind und ich mich dadurch intellektuell bereichert fühle. Sie sind mir wichtig, weil ich durch sie gelernt habe, Werte wie Freundschaft und Liebe anders zu betrachten. Sie haben mich ebenso wie ganz einfache Liebesromane oder Krimis gelehrt, empathisch zu sein und das Leben wertzuschätzen.

Mit jedem Buch lerne ich dazu, mit jedem Buch möchte ich mehr Bücher lesen und mehr über mich und die Welt reflektieren, so dass ich heute hier sitze und mir sehnlichst wünschen würde, dass es andere Menschen genauso sehen wie ich. Wieso kann nicht jede Form von Literatur wertvoll sein? Wieso ist nicht jede Art von Literaturkritik wertvoll für seine Rezipienten? Warum haben Bücher, die für die Masse zugänglich sind, nicht den gleichen Wert wie Bücher, die zum Kanon gehören?

Bestseller sind ästhetisch 


Nach dem Verfassen dieses Artikels hat der Satz „Ein Bestseller fängt da an, wo Literatur aufhört“ übrigens eine ganz andere Bedeutung für mich angenommen. Für mich bedeutet er nicht länger, dass Bestseller literarisch nicht wertvoll wären, sondern einfach nur, dass das Phänomen Bestseller nicht durch Qualität oder Schönheit eines Textes bestimmt wird, sondern durch Kriterien wie Marketing, Gesellschaft und Medien. Ob das jetzt unbedingt ein Happy End ist, eine Erkenntnis, die mich glücklich machen soll, weiß ich auch nicht so genau. Was ich aber ganz sicher weiß: Bücher, die von der Masse geliebt und gelesen werden, sprechen die Sinne vieler an und können deshalb gar nicht schlecht sein – immerhin sind sie ästhetisch und damit ja ganz offensichtlich auch literarisch.


Wie seht ihr das? Was ist für euch Literatur? Und was empfindet ihr als ästhetisch?

Alles Liebe,
eure Kim.

***

* Kaufmann, Vincent – Beitrag zu einer unmöglichen Theorie des Bestsellers, in Kodex: Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft. Bestseller und Bestsellerforschung. Jahrbuch 2, hrsg. von Christine Haug und Vincent Kaufmann (Wiesbaden 2012)

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Gedacht | Von Selbstzweifeln und Zukunftsängsten

Hey ihr Lieben,

es ist an der Zeit, dass ich meinen Weg aus der Versenkung zurück ans Tageslicht kämpfe. Manchen von euch ist es vielleicht nicht aufgefallen, einige, besonders diejenigen, die meinen Blogroman regelmäßig lesen, haben bestimmt gemerkt, dass ich die letzten drei Wochen gar nicht wirklich hier gewesen bin.

Das hier soll kein Entschuldigungsschreiben werden – es tut mir zwar leid, dass ich euch auf die neuen Kapitel warten lassen habe, aber trotzdem bin ich der Meinung, dass jedem Blogger eine Pause zusteht, wenn er eine braucht. Warum schreibe ich dann trotzdem diesen Text?

Ihr seid meine Freunde, mein Tagebuch, Menschen, die sich für das interessieren, was ich schreibe und damit sagen möchte. Mit euch teile ich meine Worte und damit wohl auch die Gefühle, die ich so schlecht im Reden transportieren kann. Während ich diesen Text schreibe, weiß ich noch nicht, ob ich ihn wirklich online stelle oder ob ich euch einfach nur eine kurze Bemerkung schreibe, dass die letzten Wochen in der Uni wirklich anstrengend waren und ich deswegen nicht zum Bloggen gekommen bin.

Aber das wäre nicht fair. Weder euch gegenüber noch mir.

Die Wahrheit ist, dass die Uni nicht nur anstrengend gewesen ist, sondern mich an mir und meinen Werten zweifeln lassen hat. Ich befinde mich kurz vor meinem Abschluss, noch zweieinhalb Monate, dann beginnt mit dem Masterstudium ein neuer Abschnitt – wenn ich einen Platz bekomme. Das ganze Prozedere um die Bewerbung hat mich unglaublich viel Kraft und Nerven geraubt, die Angst davor, dass ich den Studienplatz nicht bekomme, den ich mir wünsche, hat mich nachts wachgehalten und dafür gesorgt, dass ich erst aufatmen konnte, als schließlich alles in einigermaßen trockenen Tüchern war. Selbst jetzt ist es längst nicht sicher, ob mein Durchschnitt wirklich reicht, ob mein Motivationsschreiben und meine Arbeitsproben stark genug sind, um die Auswahlkommission zu überzeugen.

Was, wenn sie es nicht sind? Was, wenn ich nicht genug gelernt habe in den letzten drei Jahren? Was, wenn ich zu emotional bin? Zu eingeschränkt in meiner Sichtweise? Zu offen und nicht zielgerichtet genug? Was, wenn meine Vorstellungen des Masters nicht mit dem Profil des Masterstudiengangs übereinstimmen und sie mich rauskicken, ohne mir die Gelegenheit zu geben, überhaupt reinzufinden?

Wäre das eine Erleichterung? Oder eine Katastrophe?

Ich weiß es nicht, weil ich plötzlich das Gefühl habe, dass ich das aus den Augen verliere, was mir wirklich etwas bedeutet. Kein Lesen mehr, keine Zeit für Freunde, keine Zeit, um das Leben zu genießen, wie es kommt. Aber vor allem: keine Zeit mehr, um etwas zu schaffen, um künstlerisch aktiv zu sein.

Ich schreibe zwar, aber das, was ich schreibe, fühlt sich trocken und grausam schlecht an. Die letzten Kapitel von Love, Kiss, Cliff sind eine Katastrophe – zumindest in meinen Augen. Wenn ich mich nicht damit trösten würde, dass ich sie für die E-Book-Version noch überarbeiten kann, hätte ich sie nie im Leben online gestellt. Dann könntet ihr vermutlich noch ein halbes Jahrhundert auf ein weiteres Kapitel warten.

Ich beiße mich durch – und so geht es mir momentan mit allem, was mir wichtig ist – und dabei geht die Leidenschaft verloren. Die Überzeugung, dass das, was ich mache gut ist, verschwindet Stück für Stück und lässt mich mit der Frage zurück, ob ich überhaupt irgendetwas kann, wirklich kann. Oder bin ich Durchschnitt und habe die letzten Jahre auf ein Ziel hingearbeitet, dass ich sowieso nie erreichen werde? Haben mich Lob von Freunden und Familie blind für das richtige Leben gemacht? Bin ich ein Träumer, weil ich glaube, dass man in dieser Welt von dem leben kann, was einen glücklich macht?

Was ich euch damit sagen will, weiß ich selbst nicht so genau. Aber jetzt wisst ihr, wieso ich mich in der letzten Zeit so rar gemacht habe. Mir fällt es schwer, Texte zu schreiben, hinter denen ich nicht zu 100% stehe, und die Zweifel, die mich in den letzten Wochen überfallen haben, haben mich quasi in eine Schreibblockade gestürzt, aus der ich erst mal wieder herausfinden muss.

Ich versuche dem schreibend entgegenzuwirken, immerhin stehen noch ein paar Rezensionen und andere Blogartikel aus, und ihr wollt ja auch wissen, wer in der letzten Episode von „Love, Kiss, Cliff“ an die Tür geklopft hat. Ich glaube, ihr seid diejenigen, die mich am Laufen halten. Wenn ich euch nicht hätte, hätte ich das Lesen und Schreiben, und damit meine Träume, längst an den Nagel gehängt, um meinen Kopf mit mehr trockenem, emotionslosem Uni-Ballast zu füllen.

Also danke, dass ihr auch in den letzten drei Wochen so treue Besucher meines Blogs gewesen seid und mir damit gezeigt habt, dass das, was ich hier mache, eben doch eine Rolle spielt. Ich verspreche, ihr hört bald wieder von mir!

Alles Liebe,
eure Kim.

P.S.: Keine Sorge, ich stehe nicht kurz vorm Durchdrehen. Dafür gibt es genug Dinge, die ich an meinem Leben wirklich liebe und nie im Leben freiwillig hergeben würde.

P.P.S.: Das bedeutet auch nicht, dass mir der Masterstudiengang und die damit verbundenen Fächer nicht am Herzen liegen würden - das tun sie und ich bin mir sicher, dass die Welt in ein paar Wochen schon gleich wieder rosiger aussieht. ;)