"Love, Kiss, Cliff" - Mieses Karma #30


Hallo ihr Lieben!

Überraschung! Heute ist Donnerstag und hier ist es, das nächste Kapitel für "Love, Kiss, Cliff". Ja, ich bin selbst überrascht, dass ich es doch hinbekommen habe.

Der grobe Plotplan bis zum Ende steht auch schon. Insbesondere auf die Thanksgiving-Ferien freue ich mich ja schon wahnsinnig. Ihr wisst ja... Zeit mit der Familie und so.

Aber jetzt überlasse ich euch erstmal der Katastrophe, die im letzten Kapitel geschehen ist. :)

Viel Spaß beim Lesen!

Alles Liebe,
eure Kim.



Mieses Karma #30


Es fühlt sich an, als hätte man meine gesamte Welt innerhalb weniger Tage aus den Angeln gehoben. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wohin mit mir. Ich habe keine Ahnung, was ich fühlen soll, was angemessen ist, wie ich überhaupt mit so einer Situation klar kommen soll.

Regen tropft gegen die Scheibe des Taxis. Der Fahrer verströmt einen Geruch nach exotischen Gewürzen und wirft mir durch den Rückspiegel immer wieder besorgte Blicke zu. Im Radio läuft indische Musik, die so fröhlich ist, dass sie weder zum Wetter noch zu meiner Laune passt. 

Draußen ziehen die Häuser an uns vorbei, die Supermärkte und Coffee Shops, die Telefonmästen und gelben Autos und Menschen, über all sind Menschen unterwegs, mit Regenschirmen oder tief über das Gesicht gezogenen Kapuzen. Ich frage mich, wie ihre Leben gerade aussehen. Haben sie es auch so schwer? Oder bin ich der einzige Mensch auf diesem verdammten Planeten, dem das Leben gerade den Mittelfinger zeigt?

Wie konnte ich überhaupt erst in diese Situation kommen? Ich meine, womit habe ich das verdient? Habe ich in meiner Schulzeit so viel mieses Karma auf mich geladen, dass man mir meine Mutter nimmt und dafür eine schreckliche Schwester verpasst?

»Alles in Ordnung, Miss?« Der merkwürdige Taxifahrer blinzelt mich durch den Rückspiegel an. Er hat dunkle Augen und Falten vom Lachen. Vielleicht ist er gar nicht so merkwürdig, sondern einfach nur ein guter Mensch.

»Ja«, lüge ich und wische mir die Tränen von den Wangen. 

Er lässt den Blick sinken und schaut wieder auf die Straße, so dass ich unbeobachtet weinen kann.


***


In der Wohnung meines Dads muss ich geschlagene zwei Stunden warten. Ich sitze auf dem Barhocker und starre abwechselnd auf mein Handydisplay und die tickende Uhr an der Wand, die mir mit jedem Schlag sagt, dass meine Zeit bald abgelaufen ist. Bald platzt die Seifenblase, in der ich vielleicht doch noch ein Happy End mit meinem Dad erleben kann. Aber ich bin diejenige, die sie zum Platzen bringen muss, denn tue ich es nicht, wird er für immer enttäuscht davon sein, dass ich ihm nichts erzählt habe.

Da ich noch keine Nachricht von Jamie habe, gehe ich davon aus, dass er entweder keine Ahnung hat, was gerade mit Rose ist oder dass sie noch nicht fertig mit dem Verhör sind. Ich hoffe auf Letzteres.

Endlich geht die Wohnungstür auf und mein Dad betritt den Raum. Auf seinem Gesicht stehen die Sorgenfalten, was vermutlich an der panischen Mailbox-Nachricht liegt, die ich ihm vor einer Stunde geschickt habe. Als er mich sieht, hellt sich sein Gesicht einen Augenblick lang auf.

»Dad.« Ich rutsche vom Hocker und gleichzeitig rutscht mir das Herz in die Hose. »Kannst du dich hinsetzen? Ich muss dir etwas erzählen.«

Er zieht die Augenbrauen hoch. Ich kann sehen, wie es in ihm rattert und ihm bewusst wird, dass gleich ein sehr unangenehmes Gespräch folgen wird. Es ist einer von diesen Momenten, in denen das Herz bereits in Aufruhr ist, ohne dass man weiß, was überhaupt los ist. 

Schnell legt er die Aktentasche ab und folgt mir zum Sofa, um sich neben mich zu setzen. »Was ist passiert? Hat Jamie dir etwas getan?«

Fast hätte ich gelacht. Aber in Anbetracht der Lage schaffe ich es nicht einmal, meine Mundwinkel zum Zucken zu bringen.

Ich beschließe, dass es wohl am besten ist, wenn ich gleich mit der Wahrheit herausrücke. Es gibt keine schonende Möglichkeit, also kann ich es auch gleich hinter mich bringen.

Ich atme tief ein, dann sage ich: »Ich habe Rosemary gefunden.«


***


27 Minuten, nachdem ich ihm die ganze Geschichte erzählt habe, klingelt die Polizei an der Tür. Ich ziehe mich in Dads Büro zurück, weil er mich darum gebeten hat, und sehe mich um.

Neben einem modernen, minimalistisch geschnittenem Schreibtisch vor dem großen Fenster gibt es hier jede Menge Bücherregale und einen großen, schwarzen Lesesessel, über dem eine schwere, graue Wolldecke hängt. Ich schalte die Stehlampe neben dem Sessel ein, um den Raum in ein weiches Licht zu tauschen, dann betrachte ich das Bild, das über dem Sessel hängt.

Es ist eine Kohlezeichnung und sie zeigt einen nackten Bauch mit einer riesigen Wölbung. Neben dem Bauchnabel liegen zwei paar Hände aufeinander, die Finger sind ineinander verschlungen. Diese Hände zeugen von so viel Liebe, so viel Zärtlichkeit.

Und außerdem kommen sie mir bekannt vor.

Die schmalen Finger, die jahrelang das Klavier in unserem Wohnzimmer gespielt haben, die runden Fingernägel, die ich so oft mit den unterschiedlichsten Lacken bemalt habe. Der Ring, den sie nie abgelegt hat.

Das hier ist das Zeugnis dafür, dass meine Mutter uns alle geliebt haben muss. Ich kenne ihre Gründe nicht, ich werde sie nie verstehen, aber plötzlich habe ich die Gewissheit, dass sie uns nicht weggeben wollte, weil sie uns nicht geliebt hat. 

Eine verräterische Träne schleicht sich auf meine Wange. Hätte sie sich über Roses Wiederkehr gefreut? Hätten wir eine neue Chance als Familie bekommen?

Könnten wir glücklich sein?

Ich lasse mich auf den Sessel sinken und vergrabe den Kopf in den Händen. Ich sollte meine Gedanken nicht mit Was-wäre-wenns füllen, sondern lieber überlegen, wie ich die anstehenden Prüfungen bestehen soll, wenn ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann als das Chaos in meinem Kopf. Das wird eine Katastrophe, wenn ich nicht bald anfange zu lernen. Aber darüber kann ich einfach nicht nachdenken. Meine Gedanken, mein Herz, mein ganzes Ich ist in Aufruhr und kann keine Minute mehr zur Ruhe kommen.

Mein Handy vibriert. Ich ziehe es aus der Tasche und nehme den Anruf an, während mein Herz einen Satz macht.

»Jamie.«

»Hey, geht es dir gut?« Er klingt besorgt und ich kann mir förmlich vorstellen, wie er Haare raufend durch sein Zimmer läuft. »Ich mache mir Sorgen um dich. Hör mal, es tut mir wirklich leid. Ich hätte warten sollen. Wir hätten zuerst reden müssen. Gott, ich bin so ein Idiot.«

»Bist du nicht«, schneide ich ihm das Wort ab. Und das ist er wirklich nicht. Ohne seinen Tritt in den Hintern hätte ich es meinem Dad vielleicht nie gesagt. Dann hätte Rose einen Weg gefunden, sich in dieses Leben zu schleichen und er hätte niemals die Wahrheit erfahren.

»Ich hatte Angst, dass sie wieder wegläuft, wenn wir ihr zu viel Zeit gelassen hätten.«

»Du hast das Richtige getan. Wo ist sie jetzt?«

»Noch auf dem Revier, schätze ich. Hier ist sie jedenfalls nicht wieder aufgetaucht.«

»Und Ash?«

»Keinen blassen Schimmer.« Jamie seufzt. »Du weißt, dass er seine erste Freundin in Kalifornien bei einem Autounfall verloren hat, oder?«

»Ja, das hat er mir erzählt.«

»Ich mache mir Sorgen um ihn. Ich meine, wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, bevor er daran zerbricht? Rose hat ihm das Herz gebrochen, nachdem sie es mühsam wieder zusammengeflickt hat. Und dann kommt sie zurück, als ob nichts gewesen wäre.«

»Wir müssen ihm irgendwie helfen.« Ich stehe auf und gehe zum Fenster. »Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir alle Hilfe gebrauchen könnten.«

Jamie bleibt eine Weile stumm, so dass ich fast glaube, er hat das Telefon beiseite gelegt. Als ich seine Stimme dann doch wieder höre, fällt mir ein Stein vom Herzen. »Du hast Recht. Wir brauchen dringend eine Pause von dem ganzen Drama. Sobald die Untersuchungen der Polizei durch sind und geklärt ist, was mit Rose geschieht, überlegen wir uns etwas.«

»Warum denkst du überhaupt so viel über sie nach? Sie hat euch das Leben so schwer gemacht. Du hast keinerlei Verpflichtungen ihr gegenüber. Du gehörst nicht zur Familie, ihr seid nicht mal mehr Freunde.« Ich hebe die Achseln, weil ich nicht weiß, was ich noch sagen soll. An Stelle der Jungs hätte ich ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Jamie klingt gequält, als er antwortet. »Das ist nicht so einfach.«

»Warum?«

»Weil ich sie geliebt habe.«



Ups - meint der das jetzt etwa ernst? Was meint ihr?



Alles Liebe,
eure Kim. <3

Hier geht's zum nächsten Kapitel.

"Love, Kiss, Cliff" - Zerbrechlich #29


Hallo ihr Lieben!

Ja, heute ist Sonntag... Ich weiß.

Hier kommt meine Ausrede für diese Woche: Ich hatte Geburtstag! Ist das nicht mal eine gute Ausrede dafür, dass das Kapitel mal wieder so spät kommt?

Okay, und die ehrliche Antwort: ich war mal wieder super unzufrieden mit meiner Arbeit und habe ein bisschen Zeit gebraucht, um das Kapitel zu korrigieren.

So und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und hoffe wirklich sehr, dass ich das nächste Kapitel endlich mal wieder pünktlich hochladen kann. ;)

Alles Liebe,
eure Kim.



Zerbrechlich #29


Stille kann manchmal ohrenbetäubend sein. 

Ein Herzschlag kann manchmal Minuten andauern. Ein Atemzug eine halbe Ewigkeit.

Man kann ein Herz brechen hören, wenn der Schock so groß ist, dass man glaubt, es nicht überleben zu können.

Genau das ist, was ich höre, als ich auf den Flur trete. Es ist nicht mein Herz, das bricht, nicht mein Gesicht, in das der Schock geschrieben ist, es sind nicht meine Beine, die unter meinem Körper wegknicken, als hätte man ihnen plötzlich sämtliche Knochen genommen.

Es ist Ash.

Jamie kann ihn gerade noch auffangen, bevor er vollends zusammenbricht. In der Zeit gleitet mein Blick von Ash zu der jungen Frau, die im Türrahmen steht und die Arme vor der Brust verschränkt hat.

Es ist, als würde ich in den Spiegeln schauen.

Im nächsten Moment fällt ihr Blick auf mich und ihr entgleiten die Gesichtszüge. »Du bist… hier?«

Ich blinzle sie überrascht an. Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit. Sie kennt mich? Oder verstehe ich das gerade falsch?

Rasch kneife ich mir in den Arm, aber da ich nicht aufwache, muss das hier die Wirklichkeit sein.

»Rose?« Jamie stützt Ash immer noch. »Wo… Wer…«

Der Schmerz steht den beiden ins Gesicht geschrieben und Rose wäre eine Idiotin, wenn sie nicht merkt, wie sehr sie den Beiden mit ihrem Verschwinden wehgetan hat. Bei mir weicht der Schock allmählich und macht der Wut Platz, die sich langsam, aber sicher ihren Weg hinaus bahnen will.

Sie schüttelt sich aus ihrer Trance und betritt die Wohnung, ohne darum gebeten zu werden. Sie schließt die Tür und schlüpft aus dem Mantel. In der Garderobe sind keine freien Kleiderbügel mehr, also greift sie nach meiner Lederjacke und hängt ihren Mantel einfach darüber. Als würde sie immer noch hier wohnen. Als hätte sie irgendwelche Rechte.

Ich blase die Wangen auf, um nicht zu platzen. Was denkt die sich eigentlich? Nach über einem Jahr plötzlich wieder aufzutauchen, wenn alle glauben, dass sie tot ist? Ist das ihr verdammter Ernst?

»Ich habe dein Foto in der Zeitung gesehen«, sagt sie, während sie die Stiefel auszieht und neben unsere Schuhe stellt. »Meredith Jones, richtig? Tochter von Gregory Jones, aufstrebendes It-Girl in Manhattan und ganz offensichtlich mein Doppelgänger.« Sie verzieht die Lippen zu einer Grimasse. Ganz offensichtlich ist sie genauso wenig begeistert davon, dass es uns gleich zwei Mal gibt. »Ich hätte nur nicht gedacht, dass wir sogar den gleichen Geschmack haben, was Männer betrifft.«

Hilfesuchend blicke ich zu Jamie und Ash.

»Oh, kommt schon.« Rose lacht glockenhell auf und ich frage mich, was die beiden an ihr so toll gefunden haben. »Ihr sehr aus, als hättet ihr ein Gespenst gesehen. Wollt ihr einer alten Freundin keinen Kaffee anbieten?«


***


»Wir sollten die Polizei anrufen«, sagt Ash zum wiederholten Male. Wir sitzen zu viert am Wohnzimmertisch, dampfende Kaffeetassen vor uns abgestellt. Ash klammert sich an seine Tasse, als wäre sie sein einziger Halt in dieser Welt. Etwas anderes sagt er nicht.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und imitiere damit Jamies Haltung gegenüber Rose. Sie rührt in ihrem Kaffee. Wenn ihre Hände nicht zittern würden, könnte man fast glauben, dass sie vollkommen ruhig ist. Aber ihre Hände verraten sie.

»Weißt du was, Jamie? Ich glaube, Ash hat Recht. Die Polizei sollte wissen, dass sie ihren Tod nur vorgetäuscht hat.« Ich ziehe die Augenbrauen hoch und beobachte ihre Reaktion, aber bevor ich weitersprechen kann, geht Ash plötzlich dazwischen.

»Vergiss es! Niemand ruft die Polizei.« Er steht auf, wobei der Stuhl nach hinten kippt und mit einem lauten Poltern zu Boden fällt. Dann packt er Rose an der Schulter. Sie kreischt erschrocken auf. »Wo warst du, verdammt nochmal?! Wieso läufst du weg und tust so, als hättest du Selbstmord begangen? Findest du das witzig?!«

Er schüttelt sie. Panik erfüllt ihre Gesichtszüge.

»Ash, hör auf.« Ich springe auf und lege eine Hand auf seine Schulter. »Du tust ihr noch weh.«

Er schlägt meine Hand weg und sieht einen Augenblick von Rose zu mir und wieder zurück. In seinen Augen funkeln Wut und Enttäuschung. 

Dann stürmt er aus dem Zimmer. Die Wohnungstür fällt mir einem lauten Knall ins Schloss. Die Stille, die nach seinem Abgang folgt, dauert lange an.

»Warum bist du hier, Rose?«, fragt Jamie irgendwann. Die Erschöpfung ist ihm nicht nur anzuhören, ich sehe sie in seiner ganzen Haltung. »Unser Leben hat sich gerade wieder normalisiert.«

»Das nennst du normal?« Sie lacht und deutet mit einem Kopfnicken zu mir. »Jamie, ich sag dir mal was: es ist nicht normal, sich mit dem Doppelgänger seiner Ex-Freundin zu umgeben.«

»Ich bin nicht dein Doppelgänger.« Wütend kneife ich die Augen zusammen. »Und du tätest gut daran, dich ein bisschen netter zu benehmen, sonst hast du für diese Nacht nämlich keine Couch, auf der du schlafen kannst.«

»Und das sagt wer?«

»Deine Nachmieterin.« 

Ihre Augen weiten sich überrascht. 

Ich zögere kurz, aber dann denke ich, dass es mit der Zeit nur schwerer wird, die Wahrheit zu sagen. »Und deine Schwester.«


***


Mein Atem hinterlässt eine Dunstspur auf der Scheibe. Ich hebe die Hand, um mit meinem Finger ein Muster zu malen, doch dann halte ich inne und lasse sie wieder sinken.

Es klopft an meiner Zimmertür. Ich rechne damit, dass es Rose ist, die Antworten haben will, also bleibe ich still. Der Morgen ist noch zu frisch, um mich mit auseinanderzusetzen.

»Mer, ich weiß, dass du da drin bist.«

Doch nicht Rose. Es ist Jamie.

»Es ist offen«, rufe ich und er betritt den Raum. Heute trägt er endlich wieder eines seiner Shirts zu grauen Jogginghosen. Es ist Dienstag und wir haben uns beide nicht die Mühe gemacht, uns für den Unterricht anzuziehen. Wer geht schon in die Uni, wenn die totgeglaubte Mitbewohnerin plötzlich wieder vor der Tür steht?

Jamie fährt sich mit einer Hand durchs Haar und schaut mich unsicher an. Was jetzt aus uns wird, wissen wir beide nicht.

»Konntest du schlafen?«

»Nicht viel.« Ich zucke mit den Achseln und gleite von der Fensterbank. »Ist sie immer noch da oder haben wir das nur geträumt?«

»Ist sie.« Er atmet tief aus. »Sie ist gerade im Badezimmer. Ich habe die Polizei verständigt.«

Überrascht ziehe ich die Brauen hoch.

»Sie müssen wissen, dass sie die Akte schließen können.« Er schüttelt mit dem Kopf, als könne er das alles immer noch nicht glauben. »Und die Polizei muss erfahren, wer ihr Dad ist.«

Kälte kriecht mir die Arme hinauf.

»Nein«, widerspreche ich. »Das kannst du nicht von mir verlangen, Jamie. Mein Dad weiß es doch noch gar nicht.«

»Ich weiß. Deswegen sage ich dir jetzt Bescheid.«

Er macht ein paar Schritte auf mich zu, doch ich verschränke die Arme vor der Brust. 

»Du hast ungefähr 10 Minuten Zeit, bis die Polizei hier ist. Und dann weiß ich nicht, wie lange es dauert, bis sie Rose vernommen haben und sich an deine Familie wenden werden.«

Ich kann ihm ansehen, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist. Wahrscheinlich hat er die ganze Nacht wach gelegen und darüber nachgedacht. Ich wünschte nur, er hätte vorher mit mir gesprochen.

»Tja, ich schätze, ich bin selber Schuld.« Ich mache ein paar Schritte durch den Raum, um meine Umhängetasche mit ein paar Kleidungsstücken zu füllen. Auf jeden Fall muss ich vor der Polizei mit meinem Dad sprechen. »Wenn ich ihr gestern nicht so breitwillig eröffnet hätte, dass sie zur Familie gehört, müsste die Polizei das jetzt nicht wissen.«

»Du verstehst das nicht. Ich glaube, das ist überhaupt erst der Grund dafür gewesen, dass sie weggelaufen ist.«

Ich lache verbittert auf.

»Alles, was ich vom Leben wollte, war die Liebe, die ich nie bekommen werde. Das hat sie in ihrem Abschiedsbrief geschrieben. Und jetzt macht alles einen Sinn.«

Ich stopfe mein Handy in die Tasche und ziehe den Reißverschluss zu, bevor ich mich wieder zu ihm wende. »Nun, diese Liebe wird sie auch nicht bekommen, Jamie. Nicht, wenn sie weiterhin durch die Gegend läuft und wahllos Leute verletzt. Es ist mir egal, dass sie meine Schwester ist. Ich habe gesehen, was sie mit Ash und dir gemacht hat und ich werde nicht zulassen, dass sie das Gleiche mit meinem Dad macht.«

»Mer…« Jamie sieht mich flehend an. »Bitte, sei nicht so hart zu ihr.«

»Was erwartest du denn von mir?« Ich schüttle den Kopf. »Soll ich freudestrahlend Tänze aufführen, weil sie zurück ist? Du hast sie doch gehört. Sie hat mein Foto in der Zeitung gesehen. Was meinst du, woran sie zuerst gedacht hat? Glaubst du wirklich, ihr erster Gedanke war, dass sie vielleicht wieder eine Familie haben könnte? Sie weiß, dass mein Dad viel Geld hat. Dieses Mädchen in unserem Badezimmer - das ist nicht meine Schwester, egal, was der DNA-Test sagt.«

Jetzt kriechen mir doch Tränen in die Augen. Er öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, doch ihm fehlen die Worte.

»Ich bereite meinen Dad jetzt auf den Schock seines Lebens vor, also…« Ich zucke mit den Achseln, weil ich nicht weiß, wieso ich plötzlich so traurig bin. Wahrscheinlich ist es einfach nur die Enttäuschung, dass meine Schwester ein solches Miststück ist.

Mit der Tasche in einer Hand gehe ich zur Tür.

»Mer, warte.« Jamie kommt mir hinterher und legt seine Hände auf meine Schultern, um mich umzudrehen. »Ich mache das nicht, um dir weh zu tun.« Seine Augen schimmern ehrlich und er hebt eine Hand, um sie an meine Wange zu legen. »Das könnte ich nie.«

»Ich weiß«, flüstere ich und beuge mich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Ich bin nicht wütend auf dich.«

Auf meine Lippen legt sich ein trauriges Lächeln, bevor ich mich von ihm löse und ihn in meinem Zimmer allein lasse. Es ist kein Abschied, aber es fühlt sich trotzdem wie einer an.




Bald ist Thanksgiving - eine Zeit, die man im Kreis der Familie verbringt. Wer da wohl zugezählt wird?


Kommentiert fleißig und motiviert mich, damit ich endlich wieder pünktlich bin. ;)

Alles Liebe,

Intellektualität, Trivialliteratur und Ästhetik oder Die Bücherwelt durch meine Augen

Hallo ihr Lieben!


„Ein Bestseller fängt da an, wo Literatur aufhört.“ – Dieser Satz aus der Fachliteratur für meine Bachelorarbeit hat mich heute wirklich zum Nachdenken gebracht. Er stammt aus einer Aufsatzsammlung zur Bestsellerforschung* und schneidet ein Thema an, dass mir in den letzten Monaten in der Bloggerwelt immer mal wieder begegnet ist. Im Grunde geht es in dem Artikel darum, ob Bestseller und literarische Ästhetik sich gegenseitig ausschließen und anhand welcher Werte und Kriterien man die Qualität eines Buches überhaupt messen kann. Der Autor gibt verschiedene Ansätze, die erklären könnten, wieso ein Buch zu einem Bestseller wird, während ein anderes, vielleicht von Kritikern als wertvoller erachtetes Buch in der Masse untergeht.

Während des Lesens sind mir einige Fragestellungen und Ideen gekommen, die ich für sehr diskutierbar halte. Nach dem Aufsatz habe ich übrigens einen Artikel von Thomas Brasch gelesen, der aktuell ja wieder die Runde macht, da die Frage anklingt, ob Buchtuber und Buchblogger überhaupt ernstzunehmende Kritiker sein können. Diese Frage will ich hier gar nicht diskutieren (ich denke, meine Meinung kennt ihr ja – immerhin blogge auch ich über Bücher), viel mehr möchte ich über ein Problem sprechen, das dieser Frage wohl zugrunde liegt: nämlich das unterschiedliche Verständnis von Literatur.


Was ist eigentlich Literatur?


Als Germanistikstudentin weiß ich, dass eine Definition von Literatur sehr schwierig ist, eben weil so viele Menschen so unterschiedliche Ansichten von einer Sache haben, die eigentlich wirklich einfach zu definieren sein sollte. Für mich hat (fiktionale, also keine fachwissenschaftliche) Literatur genau drei Kriterien zu erfüllen:

1. Schriftlichkeit: für mich muss eine Geschichte, ein Stück Literatur schriftlich verfestigt sein, wobei ich darunter nicht nur ganz klassisch Bücher zählen würde, sondern ebenso Drehbücher, Skripte für Hörspiele oder Theaterstücke. Alles, was einmal niedergeschrieben wurde und die anderen beiden Kriterien erfüllt, gehört für mich zur Literatur.

2. Fiktionalität: Literatur ist für mich kein Tatsachenbericht, keine Reportage, keine Auflistung, kein Einkaufszettel und auch kein Rezept. Um literarisch zu sein, muss ein Text ein Mindestmaß an Fiktionalität aufweisen. Wie dieses Mindestmaß aussieht, ist vermutlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch ich würde das von Text zu Text neu entscheiden, weil es eben nicht objektiv messbar ist.

3. Persönlicher Stil: diese dritte Kategorie finde ich etwas schwerer zu definieren. Viele würden von Literarizität sprechen, was sich sowohl auf sprachliche Merkmale eines Textes beziehen kann, als auch auf Fiktionalität. Aus diesem Grund habe ich diesen Begriff nicht gewählt, sondern mich für persönlichen Stil entschieden. Auch diese Kategorie ist meiner Meinung nach nicht objektiv zu bewerten, aber ich finde trotzdem, dass der Stil eines Autors eine große Rolle spielt, um einen Text als literarisch anzusehen. Es gibt sehr viel enger gefasste Definitionen von Literatur, aber auch sehr viel weitere, die jede Art von Text einschließen. 


Literatur muss ästhetisch sein


Ein großer Aspekt, der in fast allen Definitionen vertreten ist, ist die Ästhetik. Ästhetik ist zunächst einmal die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung und damit ist alles das ästhetisch, was unsere Sinne bewegt. Sinnlichkeit ist aber zutiefst individuell und überhaupt nicht objektiv fassbar. Ästhetisch ist aber in vielen Köpfen gleichbedeutend mit schön und geschmackvoll. Damit wird der Anspruch an Literatur, ästhetisch zu sein, zu einem Anspruch, schön und geschmackvoll zu sein. Die ursprüngliche Bedeutung von ästhetischer Literatur wird dabei vollkommen aus den Augen verloren, denn diese soll nicht schön und geschmackvoll sein, sondern vor allem die Sinne berühren.

Mit diesem Verständnis von Literatur und Ästhetik lese ich deshalb Thomas Braschs Worte sehr kritisch:

„Menschen lassen sich nicht ästhetisch erziehen. Es bestätigt zudem meine Ansicht, dass man Menschen nicht ästhetisch erziehen kann, sondern ästhetisches Empfinden in früher Jugend kaum noch veränderlich konditioniert wird. […] Man mag zwar in seiner Jugend ein paar Trigger von außerhalb bekommen, doch selten vermögen diese es, zu einem großen intellektuellen Schritt zu verhelfen. Wer mit 16 Jahren Fantasy-Fiction und sonstige eskapistische Trivialliteratur liest, wird sich nicht Jahre später der Indie-Literatur hinwenden oder begeistert Virginia Wolff, Juli Zeh, Albert Camus, Thomas Bernhard, Reinald Goetz etc. lesen.“Thomas Brasch, 11.07.2015

Ganz abgesehen davon, dass ich seinen Begriff von Ästhetik fragwürdig finde, stoße ich mich doch vor allem an dem Begriff „eskapistische Trivialliteratur“ und daran, dass er Jugendlichen unterstellt, sich nicht intellektuell weiterzubilden, weil sie keine Kanonliteratur lesen, sondern eben das, was ihnen Spaß macht.



Trivialliteratur, Eskapismus und Intellektualität


Mein Verständnis von Literatur kennt ihr jetzt, deswegen wisst ihr, dass ich keinen wertenden Unterschied zwischen „Trivialliteratur“ und „Kanonliteratur“ mache, was deren Literarizität angeht. Ganz abgesehen davon, dass beide Arten von Literatur eine Art von Eskapismus, also Flucht aus der Wirklichkeit, bieten, sind sie nicht nur lesenswert, sondern vor allem intellektuell weiterbildend.

Mit dem Begriff „Trivialliteratur“ bezeichnet man heute vor allem Massenliteratur, wobei der Begriff „trivial“ aus dem Lateinischen kommt und so viel bedeutet wie „allgemein zugänglich“. Dementsprechend ist Trivialliteratur also eigentlich ein Begriff, der gar nicht negativ gedacht ist, obwohl er häufig in dieser Bedeutung verwendet wird. Eine „allgemein zugängliche“ Literatur, eine Literatur, die für die Masse geschaffen ist, ist doch eigentlich eine hervorragende Literatur, denn sie bietet für Menschen aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten, im unterschiedlichsten Alter und mit der unterschiedlichsten Erfahrung nicht nur eine Möglichkeit, dem Alltag für eine Weile zu entfliehen, sondern auch Dinge über sich und die Welt zu lernen.

Warum sollte Literatur nur intellektuell wertvoll sein, wenn sie uns zeigt, wie die Menschen zur Zeit der amerikanischen Bürgerkriege gelebt haben, oder wenn sie in Sätzen verfasst ist, für die man eine halbe Ewigkeit braucht, um sie zu entschlüsseln? Bildet uns Literatur nicht auch intellektuell weiter, wenn wir uns Gedanken um zentrale Begriffe wie Liebe, Freundschaft und Treue machen? Wenn wir lernen, Stellung zu Drogen, Machtmissbrauch und Gewalttaten zu beziehen? Wenn wir dystopische Gesellschaften kennenlernen, die wir um alles in der Welt verhindern wollen würden?


Identifikation und Reflexion


Ich bin der Meinung, dass uns Trivialliteratur sehr viel über uns selbst und die Welt, wie wir sie sehen, verraten kann. Sie lässt uns ebenso wie Klassiker reflektieren und macht uns kritischer und empathischer. Sie ist ästhetisch, wenn sie unsere Sinne regt und das tut sie vielfach, denn sonst würde wohl kein Mensch diese Bücher lesen. In gewisser Weise ist sie damit vielleicht sogar ästhetischer als ein Klassiker, bei dessen Rezeption dem Leser vielleicht das Zeitverständnis fehlt, um sich vollends mit dem Protagonisten zu identifizieren, und dessen Sinne deshalb nicht so sehr angesprochen werden wie in einer Situation, die er sich selbst gut vorstellen kann.

Ist es also falsch, wenn Jugendliche lieber Trivialliteratur lesen statt sich gleich mit Büchern auseinanderzusetzen, die sie nach den ersten Seiten wieder frustriert weglegen? Sollte man stattdessen nicht froh sein, dass sie in Zeiten von Smartphones, Fernsehern und Computern überhaupt noch zu Büchern greifen und so überhaupt die Möglichkeit besteht, dass eine Leidenschaft zum Lesen heranwächst?

Ich für meinen Teil habe auch mit den Fünf Freunden und Harry Potter begonnen. Mittlerweile lese ich mich quer durch alle Genres (natürlich habe ich da gewisse Vorlieben, aber das ist eben mein ganz eines Verständnis von Ästhetik) und habe auch eine ziemlich große Sammlung an Klassikern, die mir ans Herz gewachsen sind. Aber sie sind mir eben nicht ans Herz gewachsen, weil es Klassiker sind und ich mich dadurch intellektuell bereichert fühle. Sie sind mir wichtig, weil ich durch sie gelernt habe, Werte wie Freundschaft und Liebe anders zu betrachten. Sie haben mich ebenso wie ganz einfache Liebesromane oder Krimis gelehrt, empathisch zu sein und das Leben wertzuschätzen.

Mit jedem Buch lerne ich dazu, mit jedem Buch möchte ich mehr Bücher lesen und mehr über mich und die Welt reflektieren, so dass ich heute hier sitze und mir sehnlichst wünschen würde, dass es andere Menschen genauso sehen wie ich. Wieso kann nicht jede Form von Literatur wertvoll sein? Wieso ist nicht jede Art von Literaturkritik wertvoll für seine Rezipienten? Warum haben Bücher, die für die Masse zugänglich sind, nicht den gleichen Wert wie Bücher, die zum Kanon gehören?

Bestseller sind ästhetisch 


Nach dem Verfassen dieses Artikels hat der Satz „Ein Bestseller fängt da an, wo Literatur aufhört“ übrigens eine ganz andere Bedeutung für mich angenommen. Für mich bedeutet er nicht länger, dass Bestseller literarisch nicht wertvoll wären, sondern einfach nur, dass das Phänomen Bestseller nicht durch Qualität oder Schönheit eines Textes bestimmt wird, sondern durch Kriterien wie Marketing, Gesellschaft und Medien. Ob das jetzt unbedingt ein Happy End ist, eine Erkenntnis, die mich glücklich machen soll, weiß ich auch nicht so genau. Was ich aber ganz sicher weiß: Bücher, die von der Masse geliebt und gelesen werden, sprechen die Sinne vieler an und können deshalb gar nicht schlecht sein – immerhin sind sie ästhetisch und damit ja ganz offensichtlich auch literarisch.


Wie seht ihr das? Was ist für euch Literatur? Und was empfindet ihr als ästhetisch?

Alles Liebe,
eure Kim.

***

* Kaufmann, Vincent – Beitrag zu einer unmöglichen Theorie des Bestsellers, in Kodex: Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft. Bestseller und Bestsellerforschung. Jahrbuch 2, hrsg. von Christine Haug und Vincent Kaufmann (Wiesbaden 2012)

Bilder von pexels und Unsplash